MalereiZeichnungBiografieTexte KontaktStrichNewsStrichhome
| STADT-LAND-FLUSS |
Die Landschaften der alten Meister hatten Namen, Datum, Uhrzeit. Man konnte den Illusionsraum des Bildes mit seinem realen Gegenüber vergleichen und durch die Brille des Malers in die Welt schauen. Um Stadt, Land und Fluß geht es auch in der Malerei von Kiki Stickl, allerdings in einem anderen, erweiterten Sinn: Landschaft Malen heißt für sie Raum neu erfinden, abstecken, gliedern, eigene Koordinaten im Bildraum finden. Das Gegenüber des Landschaftsraumes stellt Fragen nach der eigenen Standortbe-stimmung. Fadenkreuz, Kompaß oder Lineal auf manchen Bildern stehen als Zeichen für die Orientierung des Menschen im Raum. Das Bild ist ein Fenster zu diesen imaginären Räumen; zugleich aber tritt die Malerei dem Betrachter durch seine breiten Rahmen entgegen und wird zu einem plastischen Bildkörper. Bildräume werden durchdrungen von verschiedenen Ebenen. Farbschichten überlagern sich, im Bild erscheinen neue Bilder, Flächen driften aneinander vorbei, neue Durchblicke und Räume entstehen. Das Spiel mit verschiedenen Ebenen und Einblendungen im Bild, klassische Werkzeuge wie Transparenz, Pastosität, Bruch und Überlagerung als malerische Mittel zur Findung neuen Bildraumes bekommen angesichts der Möglichkeiten moderner elektronischer Bildverarbeitung eine neue Dimension: die jederzeit mögliche Verfügbarkeit und die immer schnellere Veränderbarkeit, heute selbstverständlicher Bestandteil von Photoshop & Co. und die damit verbundene Veränderung der Wahrnehmung der Welt sind Phänomene, die in den malerischen Diskurs einfließen. Geschwindigkeit, heute das Maß fast aller Dinge, wird in den neueren Bildern von Kiki Stickl Standort für den Blick auf die Welt und zugleich Experimentierfeld. Sie nimmt nicht die Position des Zuschauers sich abspielender Ereignisse ein, sondern begibt sich selbst auf die Reise und untersucht die Welt in Bewegung. Ein einfacher Blick wie der vorbeigleitende Landschaftsraum im Fenster eines fahrenden Zuges legt die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Erinnerung frei. Was bleibt vom geschauten? Details erscheinen und verschwinden, der Blick kann sich nirgendwo festsetzen. Eindrücke bleiben, Lücken entstehen und fließen als »Blindflecken« ins Bild ein. Im horizontalen Rausch der Landschaft schneiden Fotos Blickfelder aus und dienen als Gedankenskizzen bei der Bildfindung. Der Grenzbereich zwischen Wahrnehmung und Erinnerung, eine Schicht zwischen Jetzt und Vergangenheit so dünn wie die Haut einer Zwiebel, tritt uns als »Bild-Paradox« entgegen: Scharfkantige monochrome Ausblendungen grenzen sich von fließenden Farbräumen ab, die Tiefe des Bildraumes wird von einem Bildkörper beherbergt. Das Auge kommt nicht zur Ruhe.
zurück vorwärts