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| HINTERLAND |

Zu den Zeichnungen von Kiki Stickl.

Es sind doch nur Striche, Krakl, immer die gleichen,
fett oder mager, dünn oder dick,
heftig oder zärtlich, oder stufenlos dazwischen.
Zeichengewölk, Zeichengewächs, Papierbewuchs,
wie gewachsen, stufenlos.

Es sind doch nur Striche, Stricke, Kratzer
und geschraffelte Schraffuren,
geritzt, gesetzt, geschaufelt, drübergefetzt,
langsam gedacht, eingeschlagen oder gefügt
und aus der Hand gegeben.

Was entsteht, ist immer etwas anderes.
Hinterland, das Land dahinter,
hinter dem Gesicht, hinter den Gedanken,
das Land aus der blinden Hinterhand,
aus dem Stift, aus der Kohle, aus dem Staub.
Das Land, das entsteht, wie gerupft, gehüpft,
entsteht in Rhythmen, in Lagen und Flächen.

Hinterland lebt sich selbst und stellt sich ein,
wie im Papier gefundenes Land, neuer Raum,
der sich entfaltet, aufklappt und entpuppt,
der anfängt zu knistern, rascheln, wispern
und wie ein Geräusch aus trockenen, gelben Gräsern zittert.

Das Schwarz oder Grau der Striche
schliesst unsichtbare Farben in sich ein.
Hellblau und Gelbgrün, Orange und
hell und blau und gelb und Grünhell.

Im schlafend gebetteten Antlitz
steigen Teichrosenblätter auf
wie Atemzüge der Freiheit,
wie erhobene, schwerelose Saatflächen.

Zeichnungen zwischen Hauch und handfesten Manifestationen,
die den Puls der Erde vernehmen, ihren Atem, ihr Beben
und den Kieselstein, der irgendwo ins Wasser geworfen wurde.

Strasse, Feld, Wiese, Haus und Regenwand,
Luftwege wie geworfene Lassoschwünge,
wie gleitende Segelflieger
wie Kondensstreifen am Himmel,
wie Wutgekrakel und Haare im Wind.

Blätter, Steine, kleine Tiere,
Wiesen, Häuser, Zäune,
Zonen, Töne, Poesie und Findung,
aus der Tiefe des unbezeichneten Bildraumes,
Spuren auf Papier, aus Strichen, die den Raum ans Licht bringen,
ihn einräumen und verdichten.

Hinterland kennt Büsche wie Staubwölkchen,
kennt die Schatten markierender Pfähle,
abgesteckter Flächen und das Darüberfliegen der Fliegen.

Im Hinterland, da wohnt das ruhende Gesicht,
das sich all das gefallen lässt, es ereignet,
erträumt, herbeisingt und sich erobert.

All die Flächen, gestimmt wie Saiten aus frischem Maishaar,
offen, gekippt, abgesenkt, bereitgestellt,
ungenutzt, abgetrotzt, durchgebracht, nachgefühlt,
entdeckt unter Schnee, unter Raureif und dahinter,
hinter Milchglaspapieren, hinter den Gedanken
und hinter dem Gedachten.

Kiki Stickl hinterlässt in ihren Zeichnungen
Orts- und Zustandsbeschreibungen des Daseins.
Zeichnungen, die der Vergegenwärtigung des Raumes gewidmet sind,
nicht dem Gras, das ihn bezeichnet,
nicht dem Baum, der ihn sichtbar macht.

Wieviel Striche braucht der Raum,
um sich einzustellen, wie neu gefundenes Land?

© Cornelia Kleÿboldt, M.A.

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