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| DAS UNSICHTBARE AUF DEM BILDGRUND DER GEGENWART |

Während der Malerei seit geraumer Zeit das Ende vorausgesagt wurde, ist das Gegenteil der Fall. Dem allgemeinen Trend der rasch wechselnden Bilderflut, die heute alle Lebensbereiche erfaßt hat, steht die Malerei als ein Akt der Kontemplation entgegen. Es gilt, mit immer wieder neuer Konzentration, die künstlerische Intention auf der Bildfläche formal umzusetzen. Kiki Stickl greift diese Anforderung an die Malerei ganz bewußt auf. In mehrfachen Schritten entwickelt sie ihre Ölbilder und macht die Diskrepanz in unserer schnelllebigen Zeit, nämlich sowohl Geschwindigkeit als Droge und Verführung als auch meditatives Innehalten zum Thema ihrer Kunst. Schemenhaft Verwischtes wechselt mit deutlich abgegrenzten Flächen, die den Blick in eine andere Ebene öffnen. Ebenso wechselt die Malweise, die das Prozeßhafte der Bildgenese wiederspiegelt.
Ausgangsmotiv für ihre Gemälde ist die Landschaft. Hier findet sie ein Repertoire an Sujets, die sie benutzt, um daraus Eigenes zu formen. Dabei geht es ihr nicht darum, das Sichtbare, für jedermann Nachvollziehbare auf der Leinwand festzuhalten, sondern darum, das Wesen von Landschaft zu erfassen und mit den Mitteln der Malerei in eine adäquate Form zu transferieren. Mit der Kamera sucht sie Landschaftsmotive, die zum einen Weite suggerieren, die aber auch Zeichen von menschlichem Leben erkennen lassen. Etwa ein verlassenes Haus, der Telegrafenmast, die leuchtend rote Notrufsäule in einem Feld. Während man in den früheren Bildern Versatzstücke, wie Zäune, Häuser oder einen sich durch die Wiese windenden Weg wiedererkennen kann, sind sie in der aktuellen Malerei abstrahiert. Manchmal taucht die rote Farbe eines Daches nur noch als monochrome Fläche vor dem horizontal verwischten Grün auf, wie eine intensive Farbremineszenz vor einer flüchtig vorbeirauschenden Landschaft. Hier und da setzt die Künstlerin zeichenhafte Elemente ins Bild, die auf den Menschen selbst verweisen oder indirekt auf menschliches Tun, etwa die Umrisse eines Kopfes oder Kreuze als Markierungspunkte in der Landschaft.
Kiki Stickl gestaltet ihre Gemälde als Bildkörper, die skulptural aus der flachen Wand hervortreten. Dazu spannt sie die Leinwand um einen massiven Holzrahmen, führt die Malerei an den Kanten fort und womöglich auch hinter der sichtbaren Bildfläche weiter. In unterschiedlicher Weise unterbricht sie den Farbenfluß: Bald durch eine tatsächliche Zäsur, wobei das Thema im ergänzenden, zum Diptychon erweiterten Bild wieder aufgenommen wird, bald durch energiegeladene, kontrastierende Farbfelder, die durch Übermalung als Bild im Bild eingefügt werden. Mit der Wahl unterschiedlicher Techniken werden diese Bildfelder zum aussagekräftigen Stilelement der Malerei. Wenn etwa eine Oberfläche mit deckenden Farbschichten das Licht absorbiert und das Darunterliegende verschließt, kann die Künstlerin es als Zeichen ihres Standpunkts so belassen. Oder sie kratzt die Schichten teilweise wieder ab, um die Fläche ornamental aufzulösen und gleichzeitig das Verdeckte erneut sichtbar zu machen. Bei lasierenden Schichten hingegen dringt das Licht ein, wobei die Struktur des Untergrunds ohne Manipulation erkennbar bleibt.
Die streng formalen Abgrenzungen der eingefügten Farbfelder gegen die gestische Malerei sind metaphorisch besetzte Eingriffe, die den intellektuellen Prozessen bildhafte Gestalt verleihen. Oder anders ausgedrückt, es sind Ebenen irritierender Freiräume, die weiterführenden Ideen und der Fantasie Raum geben. Da ist zum einen die permanente Veränderung in der Natur selbst und zum anderen die Art, wie die mobile westliche Gesellschaft Natur heute wahrnimmt. Denn Landschaft wird häufig nicht mehr als Ganzes, sondern ausschnitthaft, in rasch wechselnden Bildern aus dem fahrenden Zug oder Auto erlebt. Als Erzählung wäre es eine in Worte gefaßte Abfolge von Eindrücken, die sich in zeitlicher Verschiebung aneinanderreihen. Auf der Bildfläche hingegen überlagern sich die Eindrücke und verdichten sich zu Räumen für transzendente Ideen. Das ausgewählte Motiv wird in einem langwierigen Prozeß in die eigene Bildsprache übersetzt. Dabei wird das Objektive von subjektiven Empfindungen und assoziativen Gedanken überlagert. Das Unsichtbare kehrt sich nach oben und nimmt seinen Platz ein auf dem Bildgrund der Gegenwart.            

Anne Erfle   Vorwort zum Katalog              Kiki Stickl  Malerei, 2001

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